Wenn ein Freund geht

Letzte Woche wurde der Kater unserer Nachbarin überfahren. Kurz vor seinem 15. Geburtstag. Er war alt, hörte nicht mehr besonders gut und hatte in den letzten Tagen einige Probleme mit dem Laufen. Das wurde ihm wohl auch zum Verhängnis. Denn in einer 30er-Zone, in der viele Katzen, Kinder und alte Menschen unterwegs sind, wurde er von einem Auto erwischt. Und blieb im Straßengraben liegen. Mehrere Tage. Der einzige Trost: es ging schnell. Er hat wohl nicht mehr viel mitbekommen, die Verletzungen zeigten das eindeutig.

Was bleibt, ist der Schmerz. Er kommt nicht mehr zur Tür, wenn Frauchen nach Hause kommt. Er liegt nicht mehr an seinem Platz. Er ruft nicht mehr im Treppenhaus, weil er rein oder raus will.

Was auch bleibt, ist die Erinnerung an die Sorge, als er abends nicht nach Hause kam. Das wiederholte Rufen zur Terrassentür hinaus. Das Suchen in der Umgebung. Die Frage, ob er irgendwo eingesperrt sei. Das Warten und die Hoffnung, dass er wiederkommt. Bis zu dem Moment, an dem die Nachbarin sagt: „Ich habe euren Kater an der Straße liegen sehen. Es tut mir leid, er ist tot.“

Es ist schwer, den Schmerz zu beschreiben, wenn ein geliebtes Tier geht. 15 Jahre gemeinsam, das ist eine lange Zeit. Viele Erinnerungen an schöne Momente. Viele kleine Gewohnheiten des täglichen Zusammenlebens.

Nicht jeder Mensch versteht diesen Schmerz. „Naja, hier werden ja dauernd Katzen überfahren“, sagt eine Bekannte zu mir, leicht genervt. Katzen gibt es genug, die sind überall. Ist ja nur ein Tier.

Wenn wir um einen Menschen trauern, bekommen wir Verständnis, Mitgefühl, Beileid. Das Trauern um einen Menschen ist gesellschaftlich akzeptiert, in Normen gegossen. Das Trauern um ein geliebtes Tier löst immer noch Verwunderung aus, Unverständnis. Dabei ist der Schmerz nicht weniger stark.

Zum Glück gibt es Menschen, die den Schmerz verstehen und zuhören. Trösten. Und zum Glück können wir bei Haustieren etwas tun, was bei Menschen ungleich schwerer ist. Wir können ein  geliebtes Tier nicht ersetzen, aber wir können den leeren Platz wieder füllen. In ein paar Wochen wird ein kleines Kätzchen bei unseren Nachbarn einziehen. Und neue Erinnerungen schaffen. Damit die Erinnerung an den geliebten Kater irgendwann weniger weh tut.

Ursprünglich veröffentlicht am 17. April 2017 auf WordPress.com

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