Wie Malvine meine Großmutter bekehrte

Ihr Leben lang hatte sich meine Großmutter vor Katzen geekelt. Sie war eine sehr sauberkeitsliebende Frau und die Besuche bei einem Onkel, dessen Katzen auf dem Tisch saßen und sich am Essen bedienten, prägten sich tief ein. Eins war klar für sie: Katzen gehören nicht ins Haus und sie würde niemals ein solches Tier anfassen.

Es war nicht einfach sie zu überreden, dass ich in unserem Mehrgenerationenhaus eine Katze halten durfte. Aber nach vielen Jahren schaffte ich es durch einen glücklichen Zufall und eine kleine List (s. Wie ich zu Katzen kam – oder die Katzen zu mir). Stinker, unserem ersten Kater, folgten weitere Katzen, und obwohl es meiner Großmutter nicht recht war, fand sie sich mit den Stubentigern in ihrem Haus und Garten ab. Nur anfassen wollte sie keine davon, und auch ihre Wohnung war tabu für die Katzen. Bis ein Unfall alles änderte.

Meine Großmutter war alleine im Haus, als sie ein schreckliches Schreien aus dem Keller hörte. Besorgt folgte sie dem Geräusch und fand Malvine, unsere braungetigerte Bauernhofkatze, eingeklemmt im gekippten Fenster. Malvine schrie vor Schmerzen und hatte fast alle Kraft bei dem Versuch verloren, sich aus der Falle zu befreien. Meine Großmutter war in der Zwickmühle. Sie ekelte sich davor, die Katze anzufassen, doch sie wusste genau, dass Malvine ohne ihre Hilfe jämmerlich verenden würde. Und bei allem Ekel, so weit wollte die alte Frau es nicht kommen lassen. Also biss sie die Zähne zusammen und hob Malvine aus dem Fensterspalt.

Zum Glück überstand Malvine ihr Abenteuer ohne ernsthafte Verletzungen. Doch sie vergaß nicht, was meine Großmutter für sie getan hatte. Von nun an wich Malvine der alten Frau nicht mehr von der Seite. Und meine Großmutter ließ die Katze gewähren. Mehr noch, es dauerte nur wenige Tage, bis Malvine einen festen Platz auf der Couch bekam, genau dort, wo 14 Jahre lang der Dalmatiner meiner Großeltern neben seinem Frauchen gelegen hatte. Futternäpfe und Katzenklo folgten, und schon bald rollte sich Malvine für die Nachtruhe im Bett meiner Großmutter ein. Denn die hatte allen Ekel vor Katzen vergessen.

Malvine blieb nicht lange allein. Bald zog auch unsere graugetigerte Bauernhofkatze Zilli zu den Großeltern, wo sie sich vor allem ins Herz meines Großvaters schlich. Zuletzt folgte die British-Kurzhaar Amelie, die von der Besitzer an uns abgegeben wurde, weil sie sich angeblich nicht mit Hunden vertrug. Egal zu welcher Tageszeit, irgendwo fand sich in der Wohnung meiner Großeltern nun immer eine Katze. Tagsüber saß entweder Malvine oder Amelie auf der Armlehne des Sessels, in dem meine Großmutter Kreuzworträtsel löste.

Die Jahre vergingen, bis der plötzliche Tod meines Großvaters die Dinge veränderte. Nur wenige Tage nach seinem Tod stürzte meine Großmutter schwer und musste ins Krankenhaus. Zurück kam eine demente, bettlägerige Patientin, deren Leben nur noch aus Schlafen, Essen und Schmerzen bestand. Und aus ihren Katzen. Treu lagen die drei neben ihr im großen Ehebett und leisteten ihr Gesellschaft. Die Katzen waren eines der wenigen Dingen die ein Lächeln auf das ausgezehrte Gesicht zaubern konnten. Zwei Monate lang, bis meine Großmutter starb. Sie starb in den Armen ihrer Tochter, umgeben von ihren Katzen. Nein, es war kein schöner Tod, sondern ein qualvolles Sterben, doch bis zum Schluss war sie nicht allein. Die Frau, die sich einst so vor Katzen geekelt hatte, fand Trost und Nähe bei ihren Samtpfoten.

Malvine folgte meiner Großmutter nach einigen Monaten im Alter von 17 Jahren. Zilli und Amelie leben seit zwei Jahren in der nun leeren Wohnung, versorgt von meiner Mutter. Amelie liegt noch immer gerne auf dem Sessel meiner Großmutter.

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